Always look on the dive side of life

Manchmal haut einen das Leben ganz schön aus der Spur. Da reichen wenige Sekunden und alle Pläne scheinen gescheitert. Sich da wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten und weiterzuziehen, das scheint mir die hohe Kunst des Glücklichseins, Glücklichbleiben und Glücklichwerden zu sein.

Aufrappeln.

Die erste große Hürde. Im Selbstmitleid zu schwelgen ist nämlich im ersten Moment die einfachste Antwort. Man kann so wunderbar träge abhängen, ein paar Tränchen verdrücken. Schuldige suchen. Macht nur leider ausgesprochen miese Laune, führt zu nichts und im Zweifel ist das auch noch der Anfang in den Abgrund der Abwärtsspirale.

Selbsterhaltungstrieb.

Dieser ist glücklicherweise immer größer als das Selbstmitleid. Also, Livi, komm zu Potte und denk darüber nach, was dich aus dem Loch holt. Und diese Antwort ist einfach.

Tauchen oder Segeln.

Segeln fällt erst mal aus, um die „Baustelle“ kümmere ich mich bald. Aber Tauchen! Niemand vergisst den Moment, in dem er das erste Mal unter Wasser atmete. Schier atemberaubend. In einer Umgebung zu sein, die nicht für uns Menschen geschaffen ist. Schwerelos durchs Wasser zu gleiten. Tiere und Pflanzen zu beobachten und auf magische Momente zu hoffen. DAS ist mein Antrieb.

Das Ziel

Tauchen kann man an ziemlich vielen Plätzen dieser Erde. Aber die Entscheidung fiel leicht. Ägypten soll es zum dritten Mal werden. 28 Grad im Wasser und 40 Grad im Schatten – perfekt für einen Warmblüter wie meinereiner. Und nach langer, sehr langer, Recherche fand ich DAS Hotel mit DEM besten Hausriff des Landes mit DER besten Tauchbasis. Nein, ich habe keinen Sponsoringvertrag, bin dem aber durchaus nicht abgeneigt. Hotel Rohanou, Basis Wonderful Dive, in El Quseir.

Die Ankunft

Lampenfieber. Angst vor der eigenen Courage. Jedes Mal das gleiche Theater. Speiübel und mit mindestens einem Angsttränchen im Augenwinkel lande ich TeilzeitHeulBoje in meiner ägyptischen Koje. Es ist finster, mitten in der Nacht und der vermeintlich wohlwollende Abschiedsgruß einer Frau im Transferbus gab mir den Rest: „Passen Sie gut auf sich auf, so ganz alleine als Frau hier!“ Wie gut, dass ich schon alleine in Indien war und seitdem weiß, mich schockt nichts mehr… Und doch fühlt Frau sich in der ersten Nacht in der Fremde schrecklich einsam und bereut es irgendwie alles auch. Schlaf heilt…

Der erste Tag

Hunger. Frühstück. Nicht mehr einsam. Aber alleine. Es gibt größere Vergnügen, als alleine unter Paaren und Familien im Restaurant zu hocken. Aber da muss eine Alleinreisende durch. Schnell ein paar Tomaten, Gurken und Käse verdrücken. Die potenzielle Rache des Pharao ignorieren und ab zur Tauchbasis. Treffer. Versenkt. Tanja, die gute Fee im Büro empfängt mich mit einem entspannten Lachen und ich spüre sofort – das passt hier.

Die Basis

Ein großes Info-Bord verspricht ganz viele Ausflüge, tägliches Hausrifftauchen, Nachttauchen, Kurse. Und der erste Check Dive ist für den Nachmittag angesetzt. Nach 25 Monaten dringend nötig. Kann ich alles noch abrufen? Kann ich, aber ich stelle mich wieder an wie ein Seepferdchen, mein erster Spitzname unter Tauchern in Gotha, weil ich die Haltung (nicht die Anmut) eines Seepferdchen habe und wenig austariert bin. Ausnahmslos alle Dive Master in der Basis sind so herzig und fröhlich. Die Stimmung dort ist so anziehend, dass man dort auch abhängt, wenn man nicht tauchen geht und Taucherlatein austauscht.

Das Tauchen

Der erste Tauchgang ein Krampf. Aber Micka, der Dive Master, bleibt unendlich ruhig und geduldig. Und von früher weiß ich – ich brauche Zeit und ich will lernen. Die nächsten Tage werden phänomenal. Ich lerne rasant, erfahre viel Neues. Bekomme den Druckausgleich immer besser hin: Der Geheimtipp: Vorm Abtauchen das Gesicht und die Nase mit Meerwasser „fluten“, dann passt sich die Temperatur an und es ist einfacher. Und hätte ich mal früher beim Abtauchen intensiver ausgeatmet, wäre ich nicht gefühlt minutenlang wie eine Boje an der Oberfläche getrieben.

Delfine

Die wohl wichtigste Bestellung beim Universum für den Urlaub war: Einmal Delfine sehen! Und diese wurde am 3. Tage erfüllt. Mein dritter Tauchgang und ein große grauer Schatten überholte mich nur wenige Zentimeter über mir, huschte ins unendliche blau und ich war noch unendlich glücklicher. Mein erster Delfin! Im Glücksrausch der Dankbarkeit zogen wir am Hausriff weiter und kamen zu einer Sandbank in 15 Metern Tiefe. Checkten die Luft, verharrten einen Moment. Und Flipper kam zurück… Wohl um die 15 Minuten spielten zwei Delfine zwischen uns. Schossen zwischen den geöffneten Armen durch, ohne sie zu berühren. Tanzten in den Blubberblasen und kamen immer wieder neugierig zurück. Interagierten, reagierten. Mein Grinsen sah man mir an und ich flutete die Maske mit Glückstränchen (schon wieder und immer noch ne Heulboje). Irgendwann wurde die Luft knapp. Wir mussten zurück. Egal. Einen solchen Glücksmoment verankert man so tief im Herzen – unfassbar. Tränenüberströmt (boah, verdammte Heulboje) stieg ich aus dem Wasser. Memo, der arme Dive Master, holte sich in der Basis erst mal nen „Anschiss“ ab, was los war, bis ich klären konnte, dass ich einfach nur unendlich überwältig bin. Da kamen wohl auch in dem Moment noch ganz andere Gefühle mit hoch. Selbst Tage später, beim Schreiben, flutet es immer noch die Augenlider… Am Hausriff des Rohanou ist Delfinbesuch nicht selten. Als erneut ca 15 Delfine in der Bucht waren, ging ich nicht ins Wasser. Zu viele Schnorchler und Menschen schmissen sich ins Wasser… Ich entschied mich für einen Tauchgang in die andere Richtung und hatte erneut Glück: Zwei Delfinmütter mit Babys und zwei Korallenfußballer überraschten mich. Blieben ein paar Minuten. Stupsten Korallen durch Sand und Wasser und verschwanden wieder. MAGISCH!

Die folgenden Tage vergingen wie im Fluge. Zwei bis drei Tauchgänge pro Tag. Ausflüge ins Nemo-Land, nach Marsa Alam, El Korafi… mein erster Nachttauchgang, bei dem ich vor Angst dem armen Hamama fast die Hand brach, als eine 2-Meter-Muräne an uns vorbeischlängelte.

Nach wenigen Tauchgängen fühlte ich mich so sicher, dass ich zum Wrack wollte. Eigentlich reichten meine Fähigkeiten noch nicht, ich hatte keine 50 Tauchgänge, aber man traute es mir zu und ich durfte mit. Befremdlich zu wissen, dass hier mehrere Hundert Menschen starben, auf der Rückreise von Mekka, Anfang der 90er. Der Respekt ist größer als die Neugier. Man hält Abstand, taucht mit Ruhe und Bedacht. Erinnerung. Respekt.

Ein Schein musste sein – Nitrox! Für die Nichttaucher die Kurzfassung. Wir atmen ein Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch mit einem Verhältnis von 21:78 plus ein paar Edelgase, 1%. Beim Nitroxtauchen erhöht sich der Sauerstoffgehalt auf bis zu 36%. Ich büffelte also fünf Stunden nervige und unvermeidliche Theorie bei über 40 Grad im Schatten in mein Hirn, bestand die Prüfung und dann ging es an die Praxis. Viel merkt man zunächst nicht. Gefühlt scheint die Luft reiner und schmeckt etwas besser. Das Danach in der Hit. Ein leichter Rausch, bis hin zur Euphorie, viel weniger platt als sonst – so steigt man aus dem Wasser. Und will mehr. Ich wollte die Zeit ausnutzen. Ignorierte alle Signale meines Körpers. Der kleine Zeh war getapt, Pharao kündigte wiederholt seine Rache an und als ich immer noch im Trotzmodus „ich will aber tauchen“ war, unachtsam tarierte, riss mir das Trommelfell. Verdammt. Lektion gelernt. Heulboje verdrückte ein paar Wuttränchen und fügte sich ihrem Schicksal. Runterfahren. Nachdenken. Fühlen. Nach vorne schauen. Planen. Dem Körper Zeit zur Heilung geben. Mindestens zwei Wochen kein Wasser!

Hotel Rohanou

Das wohl größte Glück dieser Zeit waren die Begegnungen. Menschlicher Art. Ein gemeinsames Hobby verbindet. Man kommt schnell ins Gespräch und lernt wunderbare Menschen kennen. Unendlich genoss ich es, mit EUCH die Abende im Restaurant und am Pool zu sitzen. IHR habt diese Zeit zu einer ganz besonderen und unvergesslichen Zeit gemacht. 1000 Dank u.a. an Melli, Axel, Feli, Steffi, Frank, Fabio, Marcus, Martin, Annemie, Dirk…

Das Personal im Hotel war von einer Herzigkeit und Aufmerksamkeit, die mich unendlich rührte. Als der Konditor feststellte, dass ich seinen Sesamkuchen liebte, stellte er mir am nächsten Tag eine Extraportion zur Seite, weil er nicht auf dem Büfett stand…

Fazit

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Das sollte vor allem für die schönen Dinge und großen Träume im Leben gelten. Und wenn das Beste immer nur zum Schluss kommt, dann sollte ich mir jederzeit das beste gönnen, weil ich ja nicht weiß, wann Schluss ist.

Beim Tauchen kam ich mir innerlich total nah. Kann mir nichts vormachen. Subjektiv fühle ich mich sehr ruhig. Dort unten spüre ich diese ganz tiefliegende Unruhe in mir. Als ob man in tiefliegende Ebenen der eigenen Persönlichkeit vordringt. Noch tiefer als bei Meditation. In der Meditation fühlst du, was du nicht siehst, beim Tauchen fühlst du, was oben du nicht fühlst. Wie der nächste Schritt, eine Ebene weiter ins Ich. Hinter dem meditativen Zustand. Es ist schwer, da die Worte zu finden. Weil es eigentlich wortlos ist.

Und nun?

Wie geht es weiter? Eigentlich wollte ich segeln. Um die Welt, am allerliebsten. Der Plan wurde (vorerst) leider nichts. Also: Kein Ziel ist das Ziel und deswegen braucht es auch keinen Plan. Ein paar Ideen. Mitsegeln. Tauchen in Saudi-Arabien, auf den Philippinen, in Malaysia und der Südsee stehen ganz oben. Die Liste der Begehrlichkeiten wächst. Die Barfußroute zu segeln ist weiterhin der größte Traum das das erklärte Ziel. Aber man kann es weder planen, noch forcieren.

Ich bin nicht auf dem Selbstfindungstrip. Ich suche auch nicht das Glück oder den Sinn des Lebens. Ich muss auch nicht weg hier. Ich will einfach nur reisen, die Meere dieser Welt, die Wüsten, Nationalparks, die wundervolle Kultur, kulinarische Überraschungen und natürlich auch Menschen entdecken, die so anders sind und leben als wir, und uns doch eigentlich ganz nah sind.

Auf zu neuen Ufern. Ans Wasser, aufs Wasser, unter Wasser.

One Comment

  1. Annemie

    Liebe Livi, es war toll dich in unseren Urlaub kennenzulernen. Wie ich dir schon persönlich sagte, ich finde dich total Mutig. Deine gute Laune und dein Lächeln haben uns alle immer wieder erfreut. Diese „Heulboje“ Ist so Menschlich, lustig und zielstrebig. Ich danke dem Leben, dass sich unsere Wege gekreuzt sind und hoffe, dass sie es wieder tun. (Was bei Taucher nicht schwrr ist)
    Es war sehr spannend deinen Blog zu lesen und vieles wieder mitzuerleben. Danke!
    Alles Liebe
    Annemie

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